Der fiese Schweinehund.

"Mach dich nicht zum Opfer - sondern beweg deinen A****!" - ist ein zentrales Statement aus meinem Vortrag. Wer dort war, kann sich vielleicht an die schöne Folie der Präsentation erinnern. :-) Ich stehe zu 100% hinter dieser Aussage. Nur so kann man hochsensibel-glücklich-entspannt durchs Leben gehen. Ich möchte gern, bezugnehmend auf diesen Gedankengang, erzählen, was ich gestern Beflügelndes erlebt habe. Ich bin immer noch ganz beseelt, wenn ich an den Tag gestern denke, denn es war schlicht und einfach schön.

Jeder, der mich persönlich kennt, weiß, dass ich eine Menge zu tun habe. Eigentlich ist das ein Dauerzustand aber Stillstand ist einfach nicht meine Welt. Ich habe 4 ungelesene Bücher vor mir liegen, eines hat 850, eines 500 Seiten.  Die anderen sind zum Glück "normal"-dick. Alles Fachbücher - 2 davon über Hochsensibilität, die ich noch durch"arbeiten", also nicht nur lesen, möchte. Die anderen beiden sind aber genauso wichtig, weil sie mein Privatleben betreffen und eventuell Antworten auf eine Frage geben, die schon längst niederschmetternd beantwortet schien, nun jedoch neue, berechtigte Hoffnung aufkeimen lässt.

Genau eines der Bücher liegt übrigens auch gerade neben mir und schreit "lies' mich! Hör' auf zu tippen und lies' mich!" Ich ignoriere es. Man sagt übrigens, dass auch diese Eigenschaft zu Hochsensibilität gehört: Also dass man, wenn man bei einem Thema Blut geleckt hat, IMMER SOFORT alles darüber wissen will und sich darin nicht selten regelrecht verliert. Das aber nur am Rande. Es soll hier ja keine Lehrstunde werden. :-)

Also, zurück zu gestern. Mein innerer Schweinehund sagte mir, als ich, nachdem ich um 23:45 Uhr von der Arbeit nach Hause kam und um nachts um 1 im Bett lag: "Verdammt, in 5 Stunden ist die Nacht vorbei, um 12:30 Uhr ist der Trainer-Termin im Fitness-Studio, um 14 Uhr bist du in der Kletterhalle verabredet, um 16:15 Uhr sollte spätestens das Kind aus der KiTa abgeholt werden und um 20:30 Uhr musst du zum Nachtdienst.  An den Berg Wäsche, der noch sortiert und gewaschen werden will, möchte ich gar nicht erst denken. WIE um alles in der Welt soll ich das schaffen und vor allem den Nachtdienst überstehen? Trainer-Termin absagen? Ich hatte ihn bereits verschoben und wartete seit 2 Wochen darauf. Klettern absagen? Das ist eh immer so anstrengend und ein Mal Sport am Tag ist ja wohl mehr als genug. Hm." Mit diesen unerledigten Gedanken schlief ich dann endlich ein und wachte ein paar Stunden später wieder auf, als mir das Babyfon verriet, dass noch jemand anderes Elementares wach ist...

Zum Glück liebt mein Sohn seine kleine KiTa und kletterte auf den Schoß seiner Erzieherin und kuschelte sich herzallerliebst an sie, als ich ihn dort "abgab". Da geht einem ja das Herz auf, wenn man so etwas sieht. Einen Moment verweilen, das Bild genießen und wieder heim. Weiter geht's.... Mit dem Telefon in der Hand rannte ich durchs Haus. Irgendjemandem musste ich ja absagen, riet mir mein Schweinehund. Aber wem? Ich konnte mich einfach nicht entscheiden. Hochsensibel fachsimpelte ich vor mich hin, wer am wenigsten angepisst sein würde. Am Ende entschied ich mich für ...  die Wäsche. Die musste ich zum Glück nicht anrufen sondern konnte sie auch so links liegen lassen. "Vorschlafen" für den Nachtdienst hieß die nächste Devise.

Nach dem 2. Aufstehen an diesem Tag packte ich meine Sachen und fuhr ins Fitness-Studio. Immer noch im Kopf "ach komm, sag dem Trainer ab und fahr stattdessen einfach zum Bäcker um zu frühstücken!", geriet ich in den Stau auf der A 1, die ich ein paar Kilometer fahren musste. "Das ist ein Zeichen, sag' den bescheuerten Termin einfach ab!", säuselte mir mein grunzendes Haustier ins Ohr. Also griff' ich zum Handy (natürlich mit Freisprecheinrichtung ;-) ), rief im Fitness-Studio an und kündigte meine Verspätung an. "Haha, verarscht!", antwortete ich dem Schweinehund, der sich bereits triumphierend die Hände rieb. Jetzt drehe ich bestimmt nicht wieder um. Ziemlich abgehetzt kam ich dann endlich im Fitness-Studio an.

KEINE BEGEGNUNG ist zufällig. "Mein" Trainer kam auf mich zu und durch seine unfassbar freundliche und offene Art war mein Stress bereits vergessen. "Schön, dass du da bist. Erzähl', was kann ich für dich tun?" Allein diese Worte waren den Aufwand wert. Aber es ging noch weiter. Ich erklärte ihm mein Anliegen und wir erarbeiteten gemeinsam eine Lösung. Es war sehr konstruktiv. Plötzlich fragte er mich, was ich denn beruflich mache. Ich antwortete wahrheitsgemäß, dass ich bei der Polizei sei. Da fiel ihm die Kinnlade herunter. "Also, das hätte ich nun nicht gedacht. Ich war mir sicher, dass du irgendetwas in Richtung Coaching machst, oder Psychologie oder so. Das passt voll zu dir. Du hast so eine bestimmte Ausstrahlung." Da fiel mir dann kurz die Kinnlade herunter. In dem Moment musste ich natürlich zugeben, dass ich nebenberuflich beratend tätig bin. Da ich mich nie aufdrängen möchte, redete ich um den heißen Brei. Dass ich Vorträge zu einem "bestimmten Thema" abhalten würde, dass man mich für Gruppencoachings z.B. in Unternehmen buchen könne und dass sich "mein Thema" zum Teil auch um Kinder dreht. "Was genau ist denn "dein" Thema?", fragte er ehrlich interessiert. "Hochsensibilität. Sagt dir wahrscheinlich nichts!", lächelte ich verunsichert. Ich mag diese Frage nicht. Obwohl ich voll dahinter stehe, hab ich es doch lieber, wenn jemand das Thema bereits kennt und weiß, dass das eben nicht unbedingt mit Emotionalität zu tun hat. Ich wollte den Fokus aber nicht auf mich lenken und wenn ich erstmal anfange zu erzählen, was es mit der HS auf sich hat, bin ich nicht mehr zu bremsen. Zu meiner absoluten Bewunderung antwortete er jedoch: "Klar! High-sensitive-Person!" Wieder fiel mir die Kinnlade herunter. Und es kam noch besser. Er strahlte und erzählte: "Erst gestern habe ich mich mit meiner Freundin über hochsensible Kinder unterhalten. Ich finde es schrecklich, dass hochsensible Kinder in der Schule oft einfach als Verhaltensauffällig gelten, ihnen aus Unwissenheit unterstellt wird, dass sie ADS hätten und Medikamente dagegen bekommen und sie doch einfach nur hochsensibel sind und eine andere Art der Aufmerksamkeit brauchen!" Als ich ihm mitteilte, dass genau dieses Thema einen erheblichen Teil meiner Tätigkeit ausmache und ich derzeit z.B. eine Buchungsanfrage von einem Berufskolleg habe um die Lehrer aufzuklären, strahlte er mich einfach nur noch an. "Das ist unfassbar, ich hatte mich auf eine ganz normale Trainerstunde eingestellt und dann entwickelt sich das zu so etwas! Damit habe ich wirklich nicht gerechnet.", sagte er. Mir ging es genauso. Er selbst sei auch so ein Kind gewesen und galt daher immer als Außenseiter. Dazu käme, dass er aufgrund seiner Hautfarbe eh immer als "anders" gegolten habe, was dies noch verstärkt habe. Wir haben geredet und geredet und es ging natürlich überhaupt nicht mehr um mein Trainingsprogramm - aber das war völlig egal. Dieser Mensch war ein Energiequell ohnegleichen. Ich habe selten einen Menschen mit einer so unfassbar positiven Ausstrahlung getroffen. Ich war so dankbar, dass mein innerer Schweinehund an diesem Morgen nicht mächtig genug war und mein Gewissen gesiegt hatte. Keine Begegnung passiert zufällig.

"Es ist sehr wichtig, was du tust! Danke, dass du das machst." So beendete er das Gespräch.

 

Völlig beflügelt fuhr ich weiter zur Kletterhalle. Es sollte nicht schlechter werden. Die beiden Menschen, mit denen ich die nächsten 2 Stunden verbracht habe, waren zwar nicht so euphorisch wie mein Trainer, aber ebenfalls durch und durch freundlich. Mit keiner Faser habe ich auch nur den Ansatz einer negativen Energie gespürt. Ganz im Gegenteil. Auch sie zeigten mir, dass sie sich über meine Anwesenheit freuten. Ohne bisher an diesem Tag auch nur einen Happen feste Nahrung zu mir genommen zu haben, fuhr ich schließlich mit schmerzenden Armen und erschöpft aber glücklich zum Kindergarten. "Mama!", rief mein Sohn erfreut, als er mich sah und sprang mir strahlend in die Arme. (Aua!! Klettern ist echt mega anstrengend ;-) ). Aber der Schmerz war egal. Mein Herz war weit, ich war glücklich und erleichtert, dass ich, bis auf den noch folgenden Nachtdienst, alle Termine durchgezogen hatte. Mit einem Bärenhunger gingen wir nach Hause. Gemeinsam mit meinem Mann verbrachten wir einen ruhigen, schönen Nachmittag. Trotz des "Stresses" hatte ich an diesem Tag so viel Energie getankt, dass ich motiviert und wach in den Nachtdienst starten konnte.

Was für ein toller Tag. LMAA- Schweinehund! :-p

Kommentare: 0 (Diskussion geschlossen)
    Es sind noch keine Einträge vorhanden.